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Korporationen und ihre Rolle in Gegenwart und Zukunft

Festansprache anlässlich des Fünf-Farben-Kommerses unter Leitung der Schülerverbindung "Ernesto-Albertina" zu Coburg am 29.Januar 2000

von Bernd Jung

Geschätzte Herren Chargierte, werte Festcorona!

Vor wenigen Tagen feierte die Welt den Beginn des neuen Jahres, des sogenannten "Millenniums". In vielen Vorträgen und Festreden des letzten und dieses Jahres wurde das Thema "Jahr 2000" erschöpfend behandelt. Entsprechend habe ich meinen Schwerpunkt anders gesetzt. "Schülerverbindungen und ihre heutige und zukünftige Rolle" soll eher unsere momentane Position darlegen und welche Anstrengungen in nächster Zeit unternommen werden können, um Verbindungen noch attraktiver für junge Menschen zu machen.

Bevor wir aber einen Blick in die Zukunft wagen, sollten wir den Ist-Zustand kennen.

Ein Kritiker meinte einst: "Korporationen darf man nicht bekämpfen; man muss sie überflüssig machen." Auch wenn diese Bemerkung eigentlich negativ gemeint war, ist sie doch ein großes Lob für uns. Wir werden nämlich allem Anschein nach gebraucht! In welchen Rollen sind Verbindungen, insbesondere Schülerverbindungen, für die Gesellschaft wichtig?

Eine dieser Rollen ist in jedem Fall die Mittlerrolle zwischen Jung und Alt. Ein Schlagwort, das durch die Medien geistert, ist nämlich der Begriff des Generationenkonflikts. Angeblich kapselt sich die heutige Jugend ab und will auch gar keinen Kontakt zu den "Oldies", "Grufties" oder gar "Komposties" herstellen. Bin ich froh, dass ich in unserer Runde ein anderes Bild sehe. Da sitzt zum einen unser jüngster Fux Christian Feller. In seiner Nähe hat mein ältester anwesender Bundesbruder Franz Königstein vulgo Amor einen Platz gefunden. Mit seinen über 90 Jahren pflegt er noch den Kontakt zur Aktivitas, kommt extra aus Erlangen zu diesem Kommers und freut sich sichtlich, wenn ein junger Bundesbruder wie Christian auf ihn zugeht, mit ihm anstößt und sich mit ihm unterhält. Hier sehe ich keinerlei Konflikte zwischen Jung und Alt, hier sehe ich nur Freunde und Bundesbrüder, die sich alle gut verstehen - gleich welchen Alters sie sind. Hier wird das gelebt, was andernorts Skeptiker noch für graue Theorie halten - die Gemeinschaft der Computer-Jugend, die in Cyberspace und Internet herumsurft, der Eltern-Generation, die den Kalten Krieg miterlebt hat, der Großeltern-Generation, die den Zweiten Weltkrieg, Not, Flucht, Vertreibung, aber auch das Wirtschaftswunder der 50er und 60er Jahre am eigenen Leib erfahren hat, und der Urgroßeltern-Generation, die teilweise den Kaiser noch gesehen hat, für ihn in die Katastrophe des Ersten Weltkriegs zog und bei der Inflation zum Schluss kaum noch die Nullen der Geldbeträge zählen konnte.

All diese Generationen verstehen sich hier, in einer Verbindung. Warum? Wir haben alle etwas gemeinsam; wir tragen ein Band in den selben Farben. Dieses Band ist bekanntermaßen auch ein freimaurerisches Symbol, das der Eintracht, Einigkeit und Gemeinschaft. Und diese drei Grundsätze erfüllt es bei uns für alle sichtbar und zu meiner großen Freude. Die Gesellschaft sucht händeringend nach einer Lösung für den Generationenkonflikt. Wir bieten eine gute Lösung an.

Ein weiteres Plus für uns, das zugleich eine nicht gerade unwichtige Rolle für die Gesellschaft und den Staat darstellt, wird im Allgemeinen bei Schülerverbindungen in den Hintergrund gedrängt. Ich höre auf eine bestimmte Frage meistens folgende Antwort: "Ich bin hier doch nicht in der Schule. Ich bin hier, weil ich mit Freunden Spaß haben will und keinen Stress." Dies ist für mich natürlich eine unbefriedigende Antwort, lautet doch die Frage: "Willst Du nicht einmal einen Vortrag halten oder ein Stück auf Deinem Instrument vorspielen?" Nun, warum erwähne ich das? Bei studentischen Bünden ist es gang und gäbe, dass Fachvorträge gehalten werden. In viel kleinerem und allgemeinerem Rahmen habe ich dies auch bei Ernesto-Albertina eingeführt. Ausser meinen Astronomie- und Seefahrtsvorträgen hielten Bundesbrüder auch Reden über den Anschluss Coburgs an Bayern, die Jagd und den Beruf des Jägers, das Jahr-2000-Computerproblem, bestimmte Weinregionen und -sorten und - was bei einer an einem Musischen Gymnasium ansässigen Schülerverbindung selbstverständlich sein sollte - es wurden mehrstimmig Liedvorträge dargebracht, die die Corona in Erstaunen versetzten. "So etwas Schönes und Ruhiges gibt es also noch in unserer rastlosen Zeit des Lärms und der Hektik!" wird sich so mancher gedacht haben. Solche absoluten Highlights können natürlich nicht bei jeder Veranstaltung dargebracht werden. Die Möglichkeit der Präsentation von Kultur und Wissenschaft ist aber wichtig für unsere Außenwirkung, unser eigenes Niveau, aber vor allem für die jungen Referenten und Künstler, die sich in diesem trauten Kreise trauen, ihre Künste zum Besten zu geben. Solche Möglichkeiten sind selten und doch so dringend notwendig für das spätere Leben. Einer meiner Hamburger Bundesbrüder ist Pianist und leidet sehr darunter, dass er eben NICHT in einer derartigen Umgebung sein Selbstbewusstsein stärken konnte. Er gewinnt und überzeugt seine Zuhörer nicht mit seinem ersten Auftreten; dabei ist der erste Eindruck so wichtig. Diejenigen Bundesbrüder, die hier ihren Schliff erhalten haben, können selbstbewusst auftreten und einen Arbeitgeber oder ihr Publikum für sich einnehmen. Ein großer Gewinn für sie wie auch für uns, das Publikum ihrer Kurzvorträge, denn wir lernen neue Wissenschaftszweige und -erkenntnisse kennen, dürfen uns über ein neues Hobby oder eine neue Leidenschaft freuen und entdecken für uns selbst ganz neue Welten in der Kunst. Und all dies durch einen vielleicht gerade 17-jährigen Bundesbruder! Ein, eventuell sogar entscheidendes, Plus gegenüber der Allgemeinheit.

Welche hehren Bemühungen gibt es bei Schülerverbindungen sonst noch? Wir begeistern junge Menschen für unsere Prinzipien, überzeugen sie davon, dass es sich lohnt, sich zu engagieren, sich zu interessieren, sich in eine Gemeinschaft einzubringen. Wen wollen wir als Schülerverbindung denn neben dem vielseitig interessierten Begeisterten weiterhin ansprechen? Die Uninteressierten, Gleichgültigen, Lustlosen, aber auch Introvertierte, Kontaktscheue. Der Grund ist auch leicht einzusehen: WIR bieten jungen Aktiven eine faire Chance, sich zu engagieren, motivieren, einzubringen und aus sich heraus zu gehen. Was ändern wir dadurch? Die Verbindungen schaffen es, die von vielen Autoren und Rednern geschasste Jugend für einen Teil der Gesellschaft zu aktivieren und ihr soziales Bewusstsein zu wecken. So wurde schon aus so manchem egoistisch wirkenden Gleichgültigen und Uninteressierten ein Bundesbruder aus tiefster Seele, der sich für unsere Belange stark macht und zu seinen Bundesbrüdern steht. Die vielerorts propagierte "soziale Kälte" wird somit von uns erfolgreich bekämpft. Vor allem Leibfamilien und Zipfelbrüder helfen einem in Not geratenen Bundes- oder Farbenbruder mit Rat und Tat. Eine Solidarität, die leider nicht mehr alltäglich ist. Dadurch bewahren wir uns ein Stück Menschlichkeit und Wärme in dieser rauhen Welt. Ähnlich geht es uns auch mit anfangs eher introvertierten Bundesbrüdern. Vielleicht überlegen sie kurz nach ihrem Eintritt, ob dieser denn richtig war. "Soviele fremde Menschen - und dies sind jetzt alles meine Bundesbrüder, die soll ich duzen? Nein, bloß nicht!", wird sich so mancher junge Fux denken. Doch bald erkennt er, dass auch die beruflich in Amt und Würden stehende Alt-Herren-Chargia interessante und lustige Geschichten erzählen kann. Die Berührungsängste werden abgebaut, das Eis ist hoffentlich nunmehr gebrochen, der Fux engagiert sich mehr und mehr - hält sogar einen Ulk -, und findet sich nach etwas mehr als zwei Semestern in der eigenen Chargia wieder und besteht dort mit Bravour. So gewinnt ein junger Bundesbruder nach und nach an Selbstvertrauen und Ausstrahlung. Wir können uns sicher sein, dass er bei keinem Referat, Colloquium oder Bewerbungsgespräch nervös auf dem Stuhl herumrutscht, ängstlich sein Gegenüber betrachtet und nur einzelne Silben stammelt. Diese Probleme wird er nicht haben und dies verdankt er seinem mutigen Entschluss, einer Schülerverbindung beizutreten, und dem Gespür seiner Bundesbrüder. Ich wüsste gern, wie weit mancher Jugendlicher gekommen wäre und wieviel Lehrgeld er hätte zahlen müssen, wenn er nicht bei uns eingetreten wäre. Bei uns gehört dies zum korporativen Selbstverständnis, Schwächeren zu helfen. Wo finde ich dies heute sonst noch in der Gesellschaft?

Was lernen die Aktiven ausser den eben genannten Punkten Solidarität und Gemeinschaftssinn? In der Chargia bieten sich dem Aktiven in dieser Hinsicht vielerlei Möglichkeiten. Das Kennenlernen von Führungspositionen und die damit verbundene Verantwortung ist für junge Menschen sehr wichtig, weil sie auf diese Weise mit dem Managementbereich vertraut werden. Wer nie Verantwortung übernimmt, kann auch nichts mit ihr anfangen, kann sogar ein Unternehmen schädigen. Bei einer Schülerverbindung kann man Verantwortung "ÜBEN", das heisst, der einzelne erhält mehr und mehr Verantwortung, mit dem Erstchargiertenposten als Höhepunkt. Fehlentscheidungen haben hier geringere Konsequenzen und sind korrigierbarer als in einem Unternehmen. Eine sinnvolle Vorbereitung auf einen späteren Beruf. Zugleich werden Kenntnisse in Organisation von Veranstaltungen und Logistik - vor allem der Getränke - vermittelt und vertieft. Der Zweitchargierte erlernt die Kunst des stilvollen Briefe Schreibens und der Fuxmajor muss einen Weg finden, die Füxe ordentlich auszubilden, ohne sie zu sehr zu langweilen. Das in der Korporationspraxis erworbene Wissen und Können ist somit auch eine Vorbereitung für den "Ernst des Lebens", die nicht jeder hat, die uns Korporierten wieder einen Vorsprung gegenüber der Masse gewährt.

Dies war aber nur der Bereich Wissen, wie sieht es mit Überzeugungen und Werten aus? Dass das Klischee vom blöden, rechtsradikalen Korporierten nicht stimmt, ist klar. Allein die Entscheidungsgremien unserer Schülerverbindungen demonstrieren deutlich, dass es bei uns demokratische Prinzipien gelten. Doch wie wird miteinander umgegangen? Wird jeder Streit mit den Fäusten ausgetragen? Sind Mord und Todschlag bei uns an der Tagesordnung? Nein. Wir diskutieren - wenn auch teilweise extrem heftig - über die unterschiedlichsten Themen, akzeptieren dabei die Meinung des anderen und versuchen, nur mit Argumenten zu arbeiten. Natürlich ist es schwer, zu überzeugen. Die Aktiven müssen erst erlernen, wie man sich mit Worten verteidigt und mit Argumenten schützt. Aber auch im späteren Leben ist die Argumentationskunst wichtig. Je mehr die Aktiven im Burschenconvent diskutieren, desto gerüsteter sind sie für die Zukunft. Bei Ernesto-Albertina kann ich mich noch sehr gut an BCs erinnern, in denen teilweise stundenlang über ein Thema diskutiert wurde. Obwohl meine Meinung meist den anderen unbequem und unangenehm war, mussten sie sich mit ihr auseinandersetzen und nicht selten musste ich einen Beschluss akzeptieren, der meinen Prinzipien und meiner Meinung widersprach. Diese Kunst erlernt man nicht mit stupiden Ja-Sagern, wie sie ein autoritärer Aufbau einer Verbindung verlangen würde. Und wer uns Korporierte betrachtet, muss lange suchen, bis er einen solch langweiligen "Untertan" findet. Es gibt sie bei uns kaum, denn ein junger Mensch, der keine Meinung hat, kann auch unsere Werte und Prinzipien nicht vertreten.

Demokratisches Verständnis, Offenheit, Meinungsfreiheit - welche Werte lernt man noch in einer Verbindung? Höflichkeit, zum Beispiel. Die Dame wird zuerst begrüßt, bei der Begrüßung eines neuen Gastes steht man auf, mit einem Alten Herrn unterhält man sich, man weisst einen Alten Herrn nicht darauf hin, dass er die Geschichte schon zum fünften Mal erzählt, während andere essen raucht man nicht, während der Anwesendheit von Damen erzählt man nicht lautstark obszöne Witze - all diese Kleinigkeiten des Kneiplebens und viele mehr zeigen erst, ob ein Aktiver sich schon wie ein Gentleman zu benehmen weiss. Gute Manieren und Höflichkeit gehören einfach zum guten Ton dazu, der bei uns obligat ist. Dass dies von der Öffentlichkeit nicht richtig eingeschätzt wird, ist nichts neues. Diese positiven Werte werden in einen Elite-Gedanken abgewandelt. Mir ist es aber lieber, mit einem schlechten Image leben zu müssen, als mit einer Welt voller ungehobelter Rohlinge.

Schülerverbindungen übernehmen somit einen gewichtigen Teil der Ausbildung eines jungen Menschen, um ihn gesellschaftsfähig zu machen. Gesellschaft und Staat haben große Probleme dabei, wir können unterstützend eingreifen.

Dies alles kann natürlich nur ein kleiner Überblick über die HEUTIGEN gesellschaftlichen Verpflichtungen der Schülerverbindungen sein. Da wir aber von Vergangenheit und Gegenwart kaum in Zukunft leben können, müssen wir uns auch mit der zukünftigen Rolle der Verbindungen beschäftigen.

Immer wichtiger wird eine Funktion der Verbindungen, die ich schon anfangs erwähnte: Die Mittlerrolle zwischen Jung und Alt. Deutschlands Bevölkerung wird im Durchschnitt immer älter und älter. Der Generationenvertrag zur Sicherung der Renten unserer Eltern und Großeltern steht schon jetzt auf sehr wackeligen Beinen. Düstere Prognosen gehen davon aus, dass spätestens im Jahr 2020 jeder Arbeitnehmer zwei Rentner finanzieren müsste, wenn die momentane Gesetzeslage nicht entscheidend verändert wird. Der Sozialneid wird sich in einen Generationenneid verwandeln. "Die Alten hätten doch für ihren Ruhestand sparen können. Und zudem, warum sterben die erst so spät?" So könnten Kommentare bösartiger Zeitgenossen lauten. Aber auch folgendermaßen: "Ich habe 45 Jahre lang gearbeitet, mein Bestes in einem Betrieb gegeben. Mir wurde nichts geschenkt, ich zahlte sogar die Rente meiner Eltern - und jetzt soll ich nichts bekommen, soll alles den Jungen geben, die noch nichts getan haben, ausser sich zu beschweren?" Bei derart verhärteten Fronten wäre es natürlich problematisch, einen Konsens zu finden. Jedoch können die Pennalen Korporationen an gegenseitiger Akzeptanz und Toleranz mitarbeiten und den Generationen neue Wege aufweisen. Das harmonische Zusammenleben verschiedener Generationen ist auch in Zukunft eines unserer wichtigsten Ziele.

Was kommt noch auf uns zu? Schon jetzt leben wir in einer Welt, in der sich das komplette Wissen der Menschheit innerhalb von drei Jahren VERDOPPELT. So schnell war der Mensch noch nie in der Zeit seiner Existenz. Und genau diese Geschwindigkeit ist auch sein größtes Problem. Er kann diese gewaltige Datenflut nicht mehr vollständig verarbeiten, sondern muss selektieren, muss sich selbst auf einzelne Teilgebiete spezialisieren und muss sich in vielen Bereichen auf seine Mitmenschen verlassen. Dadurch wird er immer stärker den Trends und Moden unterschiedlichster Strömungen ausgeliefert. Die Schülerverbindungen sollten in diesem Chaos einen Hort der Ruhe und Besinnung darstellen. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Der junge Aktive soll hier die Möglichkeit haben, die Welt objektiver zu betrachten, sich eine eigene Meinung zu bilden und Kritik zu üben. In einer Zeit des "One-World"-Denkens muss ein junger Mensch auch die Gelegenheit haben, gegen den Strom zu schwimmen und den Einheitsbrei zu verlassen. Um es in die heutige Zeit und die Musik zu übertragen: Ein junger Aktiver, der lieber Klassik hört als die sogenannten Charts, Rock und Pop, hebt sich vom eben erwähnten "Mainstream" stark ab. Wenn er auch vielleicht bei der Mehrheit nicht allzu sehr beliebt ist, so sollten wir ihm jedoch die Möglichkeit bieten, sich einzubringen und zu entfalten. So kann auch er für ihn unbekannte aber interessante Musik erschließen. Diese Rolle als Orientierungs- und Haltepunkt wird in den nächsten Jahren stark an Bedeutung gewinnen. Hoffentlich können wir auch dieser neuen und ungewohnten Rolle gerecht werden.

Weitere Rollen werden die Schülerverbindungen übernehmen und finden. Ein Ausblick würde aber zu sehr ins Spekulative abgleiten.

Nichtsdestotrotz möchte ich noch ein paar Minuten der nahen Zukunft schenken. Wie sollen sich nämlich die Schülerverbindungen verhalten, wie sollen sie sich für die Zukunft rüsten? Mein lieber Bundesbruder Peter Schrickel wurde von Herrn Farbenbruder Oberbürgermeister Norbert Kastner beim CC-Kommers 1999 wie folgt zitiert: "Man muss die Verpackung ändern, nicht den Inhalt." Zitat Ende. Was meinte er damit? Die Schülerverbindungen müssen sich auf jeden Fall modern präsentieren. Die meisten machen dies schon via Homepage und E-Mail-Adresse. Dies ist sehr sinnvoll, ist doch das Internet selbst noch ein sehr innovativer Bereich, der vor allen Dingen von Jugendlichen genutzt wird. Diese Form der Präsentation kann aber leider nicht den wahren korporativen Geist wiedergeben, sondern nur eine Visitenkarte des jeweiligen Bundes sein. Einige werden mir jetzt vorwerfen, dass ich diesem neuen Medium zu kritisch gegenüberstehe, doch sehe ich das Internet als noch nicht vollständig ausgereifte Informationsquelle an, der ich vor allem nicht in allen Belangen blind vertrauen darf. Den Coburger und Neustädter Verbindungen empfehle ich den bislang beschrittenen Weg weiterzugehen und vielleicht sogar in größerem Umfang für das Korporationswesen zu werben.

Eine andere kurzfristige Lösung besteht darin, doch etwas stärker auf die Allgemeinheit zu achten. Der Trend der letzten Jahre ging dahin, alle Veranstaltungen unter ein Motto zu setzen. Dies ist inzwischen bei den meisten Veranstaltungen der Schülerverbindungen ebenfalls der Fall. Jedoch bleibt es nicht nur beim Motto, sondern die Kneipe wird dementsprechend gestaltet, das heisst der Kneipraum wird entsprechend geschmückt und Vorträge und Ulks zu diesem Thema gehalten. Natürlich möchte auch ich keine Ballermann-Kneipe oder Damen-Dessous-Modenschau bei Ernesto-Albertina, aber so manches Motto reizt junge Interessenten und Korporierte gleicher Maßen. Ich entsinne mich dabei einer Liederkneipe mit Weinprobe, die für Ernesto-Albertina ein Riesenerfolg war, stieg doch die Zahl der Anwesenden im Laufe des Abends auf nahe 40 Personen. Einige Gäste besuchten zum ersten Mal eine Veranstaltung einer Schülerverbindung. Für sie war es ein tolles Erlebnis. Sie konnten selbst die Faszination des Korporationswesens erleben und waren begeistert. Diese Faszination und Begeisterung derartig zu vermitteln, halte ich im Prinzip für unproblematisch, solange die Aktiven wissen, dass Motto-Veranstaltungen nur EIN Aspekt des Bundeslebens sind. Eine Verbindung, die ihr Selbstverständnis nur aus solchen Kneipen zieht, hat jedoch ein Aktualitätsproblem, muss sie doch dem Mainstream folgen, um nicht in Kürze bei der Jugend "out" zu sein. Dies kann dem Bund nur schaden und ist demzufolge nicht erstrebenswert.

Der momentan wichtigste Punkt ist aber für mich eine bessere Kooperation der Schülerverbindungen. In meinen vier Chargensemestern war ich wohl mit einer der eifrigsten Besucher der Coburger und Neustädter Korporationsveranstaltungen. Von den heute chargierenden fünf Bünden habe ich aber nur vier besucht. Warum das? Ein Bund sah es nicht ein, Ernesto-Albertina ein Semesterprogramm zu übermitteln. In drei Semestern erhielt ich eine einzige Einladung, und die auch erst nachdem ich einen Farbenbruder dieses Bundes darum gebeten hatte. Ein Armutszeugnis, das man nicht einmal innerhalb eines Arbeitskreises, dem Coburger Vertreter Convent, kurz CVC, alle Bünde über eigene Veranstaltungen informiert. Als extrem problematisch sehe ich es auch an, dass sich bis heute weder die Neustädter noch die Coburger Bünde auf getrennte Veranstaltungstermine einigen können. Die Absichtserklärungen gibt es aber schon seit Jahren. Wieso scheitert die Zusammenarbeit schon bei solchen Kleinigkeiten? Sehen die Verbindungen nicht die Vorteile eines gemeinsamen Vorgehens? Heute sind sie wieder vereint, doch auch nur heute Abend. Dabei gibt es schon seit längerem gute Ideen, angefangen bei gemeinsamen Keilparties bis hin zu einem Fünffarbenstammtisch. Gefallen hat mir vor allem der Vorstoß meiner Ernesto-Albertina, die im letzten Jahr eine Dreifarbenkneipe durchführte. Hierbei kamen sich vor allem die Aktiven näher, lernten sich kennen und unterhielten sich. Auch ich kannte viele junge Farbenbrüder noch nicht, obwohl ich so häufig bei den Coburger Bünden anzutreffen bin. In dieser Hinsicht war somit der Abend für mich erfolgreich. Übrigens ist dieser persönliche Kontakt der Aktiven in Coburg so ziemlich eingeschlafen. Ich sehe jedenfalls bei Ernesto-Albertina-Veranstaltungen selten Farbenbrüder, obwohl die meisten Bünde mehr Aktive haben als wir. Liegt den Fuxmajoren nichts daran, den Füxen die Coburger Korporationswelt zu erschließen?

In Zukunft werden es die Bünde jedenfalls schwer haben, sich allein gegen all die anderen Vergnügungsveranstaltungen durchsetzen und abheben zu können. Die Wirtschaft sollte hier ausnahmsweise Vorbild sein. Dort werden immer mehr strategische Allianzen gebildet, um sich gegen die starke Konkurrenz durchsetzen zu können. Getreu dem Motto "Gemeinsam sind wir stark" schließen sich immer mehr Konzerne zusammen. Zumindest bei mehr als den momentan üblichen zwei Veranstaltungen pro Jahr sollten dies auch die Coburger und Neustädter Bünde tun, sollten Geschlossenheit, Vertrautheit und Freundschaft demonstriert werden. Ich kann die Aktiven zwar nur auffordern, zu kooperieren, bitte aber alle Entscheidungsträger stärker als bisher aufeinander zuzugehen, zusammenzuarbeiten und gemeinsame Ideen zu realisieren.

Wie die Verpackung aussehen kann, habe ich etwas erläutert, der Inhalt soll aber gleich bleiben. Warum? Wenn ich über den Inhalt spreche, dann rede ich in erster Linie von unseren Prinzipien. Ich halte dabei zumindest unsere Hauptmaximen, Couleur-, Convents-, Lebensbund- und Freundschaftsprinzip, für unantastbar. Mit dem Verlust nur eines dieser Prinzipien würde das Korporationswesen einen schmerzlichen Einschnitt erfahren, der nicht mehr reparabel wäre. Diese Grundsätze haben schon soviele Jahrhunderte und Jahrzehnte, insbesondere die letzten hektischen von Modeströmungen beeinflussten Jahre, unbeschadet überstanden, dass die Bezeichnung "zeitlos" auf sie zutrifft. Hier nur zu Gunsten kurzfristiger Modeerscheinungen Veränderungen vorzunehmen, ist nicht zwingend erforderlich. Eher sollten wir als Fels in der Brandung fungieren und uns mit traditionellen Werten und Prinzipien von der Masse abheben. Auch Kontraste zum Einheitsbrei können attraktiv für junge Menschen sein.

Diese Attraktivität wünsche ich allen anwesenden Bünden.

Auf ein Vivant, Crescant Floreant Casimiriana et Ernestina et Franco-Thuringia et Neapolitania et Ernesto-Albertina in Aeternum!

14.3.2000